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BoD - Buch ohne Daseinsberechtigung?
von Hella Streicher (2003)

Wer kennt sie nicht, jene schmalen Bändchen, deren Inhalt einen schon beim ersten Durchblättern irritiert, weil der Satzspiegel ein Zerrbild zeigt, und bei deren Lektüre man sich wie ein Lektor fühlt? Sie enthalten, abgesehen von den üblichen Fehlern, vor allem schaurige Sätze wie: "Das Radio erhöht die Hurrikanmeldungen auf zwölf am Tag", "ein riesiger Nachtfalter zerschellte an der Windschutzscheibe" oder gar: "Sie trug ein rotes Kleid, und wenn sie sich drehte, konnte man ihren nackten Hintern sehen und ihre Scham." BoD machts möglich, denkt man und wendet sich ab.

Dennoch habe auch ich mein Buch "Höhere Welten. Ein deutscher Alltagsroman" als Book on Demand herausgebracht - und dies nicht etwa, weil ich keinen Verlag gefunden hätte. Ich habe, nach drei oder vier Standardabsagen, keinen mehr gesucht. Wozu die hohen Vervielfältigungs- und Versandkosten, wenn doch ohnehin klar ist, daß man die "richtigen" und "wichtigen" Leute kennen muß, um überhaupt eine Chance zu haben? Bis es einem auch nur gelungen ist, einen einzigen prominenten Fürsprecher zu finden, können Jahre vergehen; und darauf wollte ich es angesichts meines fortgeschrittenen Alters und aus diversen anderen Gründen nicht ankommen lassen. Also habe ich mein Buch selbst lektoriert, selbst gesetzt, das Cover selbst entworfen, mir ein wenig Geld geliehen und alles nach Norderstedt geschickt. Sechs Wochen später erhielt ich meine Referenzexemplare, kurze Zeit danach war "Höhere Welten" in allen Katalogen aufgeführt, und wer das Buch zum erstenmal sieht, betrachtet es erfreut und fragt, in welchem Verlag es erschienen sei.

So weit, so gut. Noch niemand hat bemerkt, daß der Roman "nur" ein BoD ist; weder beim ersten Blättern noch gegen Ende der Lektüre. Zwar haben sich beim Setzen der 448 Seiten einige Fehler eingeschlichen; doch verglichen mit dem eingangs zitierten 188-Seiten-Bändchen fallen sie kaum ins Gewicht. Der Text aber hat, soweit ich weiß, bis jetzt nicht nur Anklang gefunden, sondern sogar Begeisterung ausgelöst und einige mir zuvor unbekannte Personen dazu veranlaßt, gleich mehrere signierte Exemplare zu bestellen, um sie verschenken zu können. Einem Achtungserfolg scheint also nichts im Wege zu stehen, zumal es immerhin schon drei lokale Presseartikel gegeben hat und die Firma BoD das Buch neuerdings auf ihrer Startseite präsentiert.

Doch obwohl ich jahrelang am Text gefeilt und jedes Wort bedacht habe, bin ich durchaus keine Autorin, sondern nur eine "BoD-Autorin", eine "Hobbyschriftstellerin", die keinen Verleger gefunden hat, weil sie, Hand aufs Herz! nicht schreiben kann. Dies zumindest glauben manche, die sich für besonders professionell halten. "Wenn meine Kollegen hören, daß jemand ein BoD herausgebracht hat, schalten sie gleich ab", verriet mir jüngst der Redakteur einer Tageszeitung, die sich durchaus nicht scheut, spaltenlang über die besonnten Lebenserinnerungen eines Kleintierzüchters zu berichten, wenn sie denn nur in einem Miniverlag erschienen sind. Aber Books on Demand? Igitt!

"Rezensionen über BoD- und DKZ-Projekte werden gelöscht", heißt es denn auch auf der Website www.zugetextet.com. "Sofern es sich dabei aber um Sachbücher handeln sollte, kann der Redaktion ein Rezensionsexemplar geschickt werden, wir werden es dann selbst rezensieren (oder auch nicht). Das kann unter Umständen seeeehr lange dauern (wir haben schließlich auch noch anderes zu tun), und wird vermutlich nicht im Sinne des Verfassers sein. Es gibt kaum Bücher, die wirklich per BoD und keine, die per DKZ auf den Markt kommen müssen. Unsere Meinung."

Dies schreiben gestrenge Zensoren, die in einem kurzen Text gleich zwei Kommafehler unterzubringen verstehen; aber abgesehen davon haben sie ja nicht völlig unrecht. Auch ich finde die meisten BoDs nicht minder peinlich als die meisten BoD-Autoren. Schwülstige Sprache; aufgeblasene Typen. Doch auch unter den Verlagsnovitäten gibt es kaum Bücher, die "wirklich" erscheinen müßten; zumindest nicht, wenn deren inhaltliche und sprachliche Qualität der Maßstab wäre oder auch nur die Arbeit des jeweiligen Lektors. Und dies sage ich nicht als "BoD-Autorin", sondern als Literaturwissenschaftlerin und langjährige Buchhändlerin, die schon diverse wissenschaftliche Texte, Romane und Erzählungen lektoriert hat, also nicht minder kompetent ist als jene Leute, die für die eingangs zitierten Sätze verantwortlich sind.

Die nämlich entstammen keinem BoD, sondern "Sommerhaus, später" von Judith Hermann, sind abgesegnet worden durch die Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin, diverse Stiftungen sowie Katja Lange-Müller, Burkhard Spinnen und Monika Maron. Und weil das so ist, wurden sie auch mit dem einhelligen Lob des Literarischen Quartetts und mehreren Auszeichnungen bedacht, bis hin zum Kleistpreis.

Den werde ich nie bekommen, wahrscheinlich noch nicht einmal drei Zeilen in der überregionalen Presse oder eine namentliche Erwähnung im Rundfunk; denn ich bin keine melancholisch dreinblickende junge Dame aus Berlin und habe eben "nur" ein BoD geschrieben, ein Buch ohne Daseinsberechtigung. Dies zumindest scheinen jene "Profis" zu glauben, die es bis jetzt ignoriert haben. Aber es gibt "Höhere Welten", es gibt Leserinnen und Leser mit Spürsinn und intaktem Urteilsvermögen, und es gibt die unbestechliche Zeit. Sie wird darüber entscheiden, wem es gelungen ist, einen Teil unseres Lebens für die Zukunft zu konservieren. Und bei dieser Entscheidung wird es keine Rolle spielen, in welcher Form ein Text überliefert worden ist, wie sein Autor oder seine Autorin ausgesehen und wo er oder sie gelebt hat. Was dann zählen wird, ist einzig und allein die Qualität. Und die findet sich zuweilen auch in einem Book on Demand.

© 2003 by Hella Streicher, Bremen.

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin Hella Streicher
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