![]() |
![]() |
||
| HOME Interviews Forum Tipps Ausschreibungen Links AdA Bücher | |||
|
"Wie man Kritik verdaut"
Da ist er wieder, dieser Brocken, der mir wie ein Stein im Magen liegt. Aber dieses Problem hatte ich schon des öftern und mittlerweile weiß ich, wie man damit umgeht. Ich habe da so meine Privatmedizin. Na wo is´ sie denn? Ach ja! Ganz da hinten in einer Schublade meines Selbstwertgefühls habe ich sie versteckt: Eine selbstgebraute Medizin, die nur Geist entwickelt, wenn sie im wahrsten Sinne des Wortes gut abgestanden ist. Ja, ja Kritik läßt sich nun mal nicht so ohne weiteres verdauen. Da braucht man schon, um Resultate zu erzielen, seine kleinen Privaterfahrungen und die möchte ich hier einmal zur Diskussion stellen: Die Auswahl des Kritikers Als Autor/in hat man es schwer. Gute Kritiker sind rar gesät. Klar, Freunde lesen deine Stories gerne, finden sie auch gut oder ganz einfach grausig. Wenn man aber nachfragt, wissen sie meist nicht zu begründen, warum sie das gut und jenes schlecht gelöst finden. Der beste Kritiker wäre natürlich einer, der selber schreibt, weil er/sie das nötige psychologische Einfühlungsvermögen als auch, je nach Stand des Könnens, die Kompetenz zum Kritisieren mitbringt. Selbst wenn es sich um zwei Schreibanfänger handelt, die sich gegenseitig ehrlich die Meinung sagen, ist schon ein großer Schritt getan, denn das Hinterfragen, das Reden über die Dinge ist der Anfang vom Verstehen. Ideal für Anfänger wäre ein Kritikpartner aus dem gleichen Genre, für Fortgeschrittene sogar ein Partner, der mit dem jeweiligen Genre nur marginal oder gar nichts zu tun hat. Solche Kritiker fordern den Erklärungbedarf einer Story heraus, stellen Fragen auf die ein»Eingeweihter« nicht kommen würde. Man sollte sich allerdings darüber im klaren sein, von solch einem Kritikpartner auch völlig ablehnenden Kritikbescheid zu erhalten. Ob dieser gerechtfertigt ist oder nicht, muß man für sich selbst entscheiden. Hat man mehrere Ansprechpartner wird man sehr schnell herausfinden, dass es Kritikspezialisten gibt. Von einem Kritiker bekommt man besonders gute Tipps in Richtung Storyaufbau, wieder ein anderer versteht sich auf das Ausbauen komischer Elemente und ein dritter hat ein besonderes Auge für Kommasetzung und Rechtschreibung. Alle Kritikertalente in einer einzigen Person zu suchen, werte ich als illusorisch. Allerdings wäre es auch grundfalsch nur dem Kritiker meine Story zu offerieren, von dem ich von vornherein weiß, dass sie ihm auf der ganzen Linie gefällt. Dadurch tue ich mir selbst keinen Gefallen, denn eine kritische, andere Sicht der Dinge bekomme ich dann garantiert nicht zu hören. Das Ideal eines jeden Autors wäre wohl ein Kritikerzirkel, der aus anderen kompetenten Autoren besteht. Die Kompetenz des Autors Lange ist´s her, seit ich angefangen habe zu schreiben. Lese ich mir die»Gehversuche« von damals heute durch, kann ich mir manchmal ein Schmunzeln nicht verkneifen. Mit der Zeit und der Hilfe von guten Freunden bewältige ich heute bestimmte Probleme auf schriftstellerischem Gebiet besser als damals, weil ich, wenn es die Zeit erlaubte, geschrieben und mich dadurch weiterentwickelt habe. Kritik zu verkraften, das weiß ich heute, ist ein Lernprozess. Damals konnte es passieren, dass eine gerechtfertigte Kritik mir gefühlsmäßig schwer zu schaffen machte, ich mich fragte, ob eine Änderung meines Schreibstils die Ausdruckskraft meiner Stories mindern würde. Heute weiß ich, dass ich mich nur gescheut habe, den kritischen Tatsachen ins Auge zu sehen und ihre Möglichkeiten abzuschätzen. Heute empfehle ich Schreibanfängern Kritik an ihren Stories nicht rundweg abzulehnen. Es erfordert Mut sich zu öffnen und sich bis zu einem gewissen Punkt formen zu lassen. Darin sollte man aber Maß halten und die Grenze zwischen der Meinung des Kritikers und eigenem Empfinden klar definieren. Schließlich ist Schreiben Ausdruck von Persönlichkeit. Eine wirkliche Handschrift kann sich nur entwickeln, wenn der Autor klare Grenzen zwischen Kritik und ganz persönlichem, eigenen Stil zieht. Trotzdem sollte jede/r Autor/in darüber reflektieren, warum er/sie an der spezifischen Textstelle, die der Kritiker bemängelt, das kritische Textelement nicht ändern will. Der Abstand machts! Wenn ich eine Story vor einigen Wochen zum Kritisieren los geschickt habe, wandert mein Blick unweigerlich immer wieder zu meinem Faxgerät oder meine Wege enden unbewußt vor dem Briefkasten oder bei der Mailbox. Natürlich ist man gespannt auf das Feedback. Was werden die Kritiker sagen? Ich empfinde es als äußerst nützlich, in dieser Zeitspanne keinen einzigen Blick auf mein neuestes Machwerk zu werfen. Das schafft Abstand von den kreativen, manchmal abenteuerlichen Höhenflügen. Lässt dann der/die Kritiker/in etwas von sich hören, kann das, was sie/er zu sagen hat mit einer gewissen Objektivität aufgenommen werden. Bei Telefonanrufen oder Gesprächen mache ich mir Notizen, bei Fax, Mails oder Briefantworten liegt der Kommentar des Kritikers sowieso in schriftlicher Form vor. Nach kurzer Lektüre lege ich diese Meinungsäußerung, ob positiv oder negativ, mindestens für eine Woche in die Schublade. In dieser Zeit kann man über des Gesagte/Geschriebene geistig reflektieren. Nach Ablauf dieser Frist werden Story und Kritik ans Tageslicht befördert, erneut durchgelesen und auf die Kritikpunkte durchgecheckt. Dies ist für mich der effektivste Weg eine halbwegs wertfreie Zone zwischen mir und den Äußerungen meines Kritikers zu schaffen. Voraussetzung für die erneute Bewertung des »Meisterwerkes« sind nun eine gesunde Portion Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und unbedingte Offenheit, was die kritischen Meinung des Gegenübers betrifft. Wenn man das selbst ausprobieren will, wird man bald den individuellen Zeitrhythmus für die Neubewertung der Story finden. Die Entscheidung des Egos Wenn es um die Bewertung einer Story geht, stellt sich jeder Autor Fragen wie diese: Habe ich mein Bestes gegeben? Sitzt die Pointe? Gibt es einen besseren Weg, diese Situation zu schildern? Nach meiner Erfahrung sind darauf Tausende von Antworten möglich. Da jeder unserer Kritiker ein Individuum ist, wird jeder das zu kritisierende Objekt aus einem anderen Blickwinkel sehen. Sprechen jedoch zwei Kritiker den gleichen Mangel an, z.B. die Ausführung der Idee, den Satzbau, die Wortwahl, die Interpunktion oder einen Stilbruch sollte man sich ernsthaft Gedanken machen, ob diese Punkte verbesserungswürdig sind. Eine Portion Erfahrung, ein ausgeprägtes Selbstvertrauen und ein gesundes Urteilsvermögen des Autors zwischen Richtig und Falsch kann über eine solche Klippe hinweg helfen. Und solltest du immer noch auf Kriegsfuß mit den Kritikern deiner Story stehen, dann versuche mit ihnen Frieden zuschließen. Vielleicht hilft der folgende Absatz dabei: Schreiben ist eine Wanderung durch einen Irrgarten von Möglichkeiten, eine fertiggestellte Story nur eine Rast auf dem Weg zur Weiterenttwicklung unserer schriftstellerischen Fähigkeiten. Die Kritiker sind Wegweiser, die uns den Weg von einer Raststätte zur anderen deutlicher ausweisen. Wir selbst haben die Wahl des Weges, entscheiden selbst welche Abzweigungen wir nehmen. Die Möglichkeit der Wahl gibt uns die Freiheit Kritik von uns zu weisen oder sie zu verinnerlichen, sie zu bejahen oder sie zu verneinen. Wenn wir uns mit »beleidigt sein« oder »tiefer Verletzlichkeit« aufhalten, stehen wir quasi an einer Kreuzung des Weges und halten uns unnötig lange an einem Punkt unserer Reise auf. Eine klare Entscheidung für oder gegen einen Kritikpunkt ist auf jeden Fall gewinnbringender als das Dümpeln in Gefühlen. Ein ausgesprochen harmloses Beispiel hierzu war meine Entscheidung zum Titel einer Story für einen Storywettbewerb. Zwei Meinungen hierzu hatte ich zuhören bekommen: »Mit diesem Titel kann ich überhaupt nichts anfangen.« »Ein bißchen lang, findest Du nicht?«. Mein Gefühl sagte mir: »Dieser Titel ist gut. Er gefällt mir. Laß ihn so, wie er ist!« Ich entschied mich für mein Gefühl. Wie sich nach dem Storywettbewerb herausstellte, war meine Entscheidung richtig gewesen. Die Meinung des Lesers Bei diesem Storywettbewerb landete meine Geschichte unter 23 Beiträgen auf Platz acht. Eigentlich war ich mit der Plazierung ganz glücklich. Aber mit dem gewohnten Abstand zu jeglicher Art von Wertung wollte ich mir erst eine Meinung bilden, nachdem ich die Mitbewerberstories gelesen hatte. Ich hängte mich also ans Telefon und bestellte mir den Kopienstapel der anderen Beiträge. Mein Gesprächspartner ließ nebenbei fallen, dass ihm meine Geschichte gut gefallen hätte. Sie hätte eine bessere Plazierung verdient. Das war Balsam für die Schreiberseele. Dieses Lob stammte von einem Leser (zugegeben, er schreibt auch selbst). Nach einem solchen Erlebnis weiß man, dass sich das kritische Hinterfragen des eigenen Könnens gelohnt hat. Denn letztendlich hat all das dazu geführt, dass erreicht wurde, was wir uns immer wieder zum Ziel setzen: Dass das, was wir zu Papier bringen, die Gestalt unserer Ideen so markant umreißt, daß auch andere in unseren Fantasiewelten spazieren gehen können. Für mich ist die Kritik eines Lesers, ob negativ, positiv, konstruktiv oder unqualifiziert, immer wieder das letzte, ausschlaggebende Element, wenn ich mir über bestimmte Punkte meiner Story noch im unklaren bin. Die Kritiker nämlich schwenken wie objektive Forscher, d.h. mit dem nötigen Abstand, auf eine Umlaufbahn um unsere Welten ein. Sie sammeln Daten und versuchen die Funktionsweise der Welten, die wir geschaffen haben, zu verstehen. Die Leser jedoch besuchen sie, tauchen subjektiv, emotional in sie ein, leben in ihnen.
Kritikcheckliste
Bin ich gewillt meinem Kritiker wirklich zuzuhören?
Stil, Storyline, Rechtschreibung, Grammatik:
Wie kann ich ändern, was mein Kritiker bemängelte? Fair kritisieren ist harte Arbeit. Ich darf nicht vergessen ihr/ihm mal auf die Schulter zu klopfen oder, in welcher Form auch immer, mich zu bedanken. Und zum Schluß zwei Zitate
Arnold Böcklin:
Goethe, »Maxime und Reflexionen«: Mit freundlicher Genehmigung. © Stefanie Pappon
Stefanie Pappon ist selbstständige Grafikerin und verdient ihre Brötchen hauptsächlich mit der Gestaltung von Anzeigen, Imagebroschüren und Zeitschriften.
|
|
| © Compuexe deSign | Impressum Mail |