Tom Liehr,
geboren 1962 in Berlin, war Redakteur bei P.M., 1990 Sieger und Drittplazierter des ersten "Playboy-
Literaturwettbewerbs". Daran schlossen sich diverse Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften an.
Zwischenzeitlich tätig als Computerverkäufer, Unternehmensberater, Rundfunkproduzent und Discjockey ist er seit 1998 Besitzer eines Unternehmens für Softwareentwicklung und war mehrere Jahre lang Vorsitzender des 42erAutoren - Verein zur Förderung der Literatur e.V..
Tom Liehr lebt mit seiner Frau und drei Katzen in Berlin. Im Aufbau-Verlag sind seine Romane "Radio Nights", "Idiotentest", "Stellungswechsel" und "Geisterfahrer" erschienen, "Pauschaltourist" folgt im Oktober 2009. Weitere Projekte sind in Planung.
sagmal.de: Hallo Tom. Du bist seit „Radio Nights“ 2003, Aufbau Verlag, ein bekannter Autor in Deutschland. Was verbindet dich mit Rico Beutlich?
Tom: Dass ich auch mal klein angefangen habe. In diversen Umzugskartons und auf noch mehr Festplatten lagern tonnenweise Texte, die ich zum Zeitpunkt ihres Entstehens für veröffentlichungsfähig hielt, die es aber nicht waren. Der Lernprozess bis zur ersten "richtigen" Buchveröffentlichung (von insgesamt fünf bisher) war ein langwieriger, intensiver und nicht schmerzfreier. Aber ein wichtiger.
Allerdings sei auch die Anmerkung gestattet, dass selbst meine
allerersten Geschichten, die ich mit dreizehn Jahren geschrieben
habe, nicht so schlecht wie Rico Beutlichs "Über-All" waren. ;)
sagmal.de: Trotzdem hast du dich vermutlich nie an DKZ Verlage gewandt. Wie seid ihr auf die Idee gekommen?
Tom Liehr: Tatsächlich habe ich mal mit einer Absage des Heyne-Verlags (das ist allerdings schon SEHR lange her - ich hatte eine ziemlich schlechte SF-Geschichte eingeschickt) einen Flyer des Fouqué-Verlags zugesandt bekommen, versehen mit einer handschriftlichen Notiz "Vielleicht wäre das was für Sie." Ich weiß nicht, ob mich da ein Praktikant veralbern
wollte, aber ich habe inzwischen von anderen Autoren gehört, dass es ihnen seinerzeit ähnlich ergangen ist. Immerhin verfährt Heyne offenbar nicht mehr so. Ich habe mich damals informiert - vor allem bei Buchhändlern, das Internet gab es noch nicht -, was es mit diesem Verlag auf sich hat, und dann Abstand davon genommen, das fragwürdige Angebot weiter zu verfolgen.
Die Idee entstammt der Praxis. Wir sind eine Autorengruppe, die auch ein öffentliches Forum betreibt. www.42erAutoren.de/ Verlagskontakte aller Art und Erfahrungen mit Verlagen sind Bestandteil der täglichen Auseinandersetzung. Nicht selten schlagen Autoren bei uns auf, die stolz auf ihre erste Buchveröffentlichung im Verlag mit dem großartig
klingenden Namen verweisen und "Marketingunterstützung" erfragen, weil sich ihr Buch ohne Eigeninitiative überhaupt nicht verkauft. Die Rico-Beutlich-Aktion soll auch unsere - manchmal etwas ermüdende - Aufklärungsarbeit in diesem Bereich entlasten. Besser wäre es natürlich, wenn sie sie völlig überflüssig machen würde.
Man muss wissen, dass es, grob gesagt, zwei Arten von Autoren gibt, die letztlich bei Zuschussverlagen landen. Die einen wollen es einfach nicht anders, sie sind kritikresistent und weitgehend merkbefreit. Nichts ist ihnen wichtiger, als endlich ihre Traktate zwischen zwei Buchdeckeln zu sehen. Diesen Leuten kann nicht geholfen werden, auch Rico wird daran nichts ändern. Die anderen, die zweite Gruppe, wissen es nicht besser, sie haben häufig keine Ahnung davon, dass "Verlag" von "vorlegen" kommt und dass damit das finanzielle Risiko gemeint ist, das der Verleger im Normalfall ALLEINE trägt. Sie
freuen sich über ein Angebot des Verlags mit dem großen Namen und nicken schließlich auch die Argumente ab, mit denen die
Risikobeteiligung begründet wird. Diese Leute sind Opfer einer Öffentlichkeitsarbeit, die nahe an Augenwischerei herankommt, um es vorsichtig auszudrücken. Wir wollen diesen Autoren dabei helfen, den Buchmarkt besser zu verstehen, wir wollen sie vor enormen Ausgaben schützen, die, wie Herr Frieling im Jahr 2000 im Rahmen eines anderen Interviews mit dem "Spiegel" gesagt hat, als "Totalverlust" abzuschreiben sind. Was natürlich - leider - auch nicht heißt, dass diese Autoren bei Publikumsverlagen Chancen hätten. Der Buchmarkt ist begrenzt und es geht um Verkäufe - weit mehr als um "Literatur" im weitesten Sinne.
sagmal.de: Der Name Beutlich erinnert mich an die Hobbit-Familie aus "Herr der Ringe". Absicht?
Tom Liehr: Wenn ich mich recht erinnere, stolperte Michael Höfler - einer der drei Autoren der Rico-Beutlich-Story - im Rahmen einer Recherche für einen eigenen Text über diesen Nachnamen. Die Ähnlichkeit ist also nur ein Zufall
sagmal.de: Dies zwei Gruppen gibt es ja nun mal. Die, die beratungsresistent sind, werden die Beutlich Geschichte sehr skeptisch sehen. Mittlerweile verteidigen sie sich ja auch schon auf diversen Plattformen. Da kommen Argumente wie: die Verlagswelt betreibt doch nur Vetternwirtschaft und ohne Vitamin-B kommt man bei Publikumsverlagen nicht mehr unter. Oder auch: immerhin waren die Leute des DKZ Verlags freundlich. Die Verlagswelt liegt am Boden vor Lachen aber werden die Opfer der zweiten Gruppe diesen Streich überhaupt wahrnehmen? Opa Klämmerle, der die Geschichte der Schwäbischen Eisenbahn als Buch herausgeben will, wird von der Aktion nichts mitkriegen und dennoch bei den DKZ-Verlagen landen, wenn er keinen etablierten Verlag findet. Genauso wie Frau Gedönsbach-Dingenskirchen, wenn sie ihre Gedichte oder ihre
Biografie veröffentlichen will. Taugt der Streich als Vorbeugung bzw. Opferschutz?
Tom Liehr: Jemand schrieb zu Rico Beutlich in einem Bücherforum, dass eine einzige "gerettete Seele" schon ein Erfolg wäre. Natürlich kann man mit einer solchen Aktion niemals alle erreichen, wobei einer der Vorteile des Internets darin besteht, dass es weniger schnell vergisst als eine Zeitschriftenveröffentlichung beispielsweise. Wer
also nach einigen Verlagsnamen googelt, um sich zu informieren, wird möglicherweise auch auf die Rico-Beutlich-Story stoßen. Wer sich nicht darüber informiert, was er zu einem gesalzenen Salär zu tun im Begriff ist, dem kann sowieso nicht geholfen werden. Alle naselang berichten Magazine über das Unwesen der Kaffeefahrten-Veranstalter, trotzdem ist das nach wie vor ein einträgliches Geschäft. Leute kaufen Magnetarmbänder und Rheumadecken zu einem Vielfachen des
Ladenpreises (sofern solche Produkte überhaupt im freien Handel erhältlich sind), obwohl alle Welt inzwischen wissen sollte, dass es sich nur selten lohnt.
Im Rahmen der Pro-DKZ-Argumentation wird häufig kolportiert, dass "richtige" Verlage nur Vetternwirtschaft betrieben, den Weg des geringsten Widerstandes gingen und vor allem Lizenzen vertreiben würden. Einige DKZ-Verlage bzw. deren Vertreter behaupten gar, fast alle Publikumsverlage würden selbst "heimlich" Zuschüsse nehmen und sich von ihren Autoren bezahlen lassen. Das alles ist, mit Verlaub, in der Hauptsache Unfug, der sich kaum beweisen lässt (weil es unwahr ist). Auch "richtige" Verlage suchen Autoren, also Leute, die vermarktbar sind - und deren Texte vermarktbar sind (beides muss der Fall sein!). Aber das lohnt sich erst ab drei- bis viertausend verkauften Exemplaren eines Romans, Fensterkreuz mal Pi - nur dann rechnet sich ein Buchprojekt. Die meisten Manuskripte, die unverlangt angeboten werden, genügen dieser Anforderung einfach nicht (was nicht heißt, dass sie alle schlecht wären). Dass es trotzdem geht, dafür stehe nicht zuletzt ich selbst: Mein fünfter Roman erscheint im Oktober bei "Aufbau". Ich kenne viele Autorenkollegen, die es auf dem vermeintlich "harten" Weg in die großen Verlage geschafft haben, ohne Vitamin B, Hochbumserei oder ähnliches.
Diese Leute haben eines gemein: Ihnen ist bewusst, dass Bücher auch Produkte sind, für die Käufer gefunden werden müssen. VIELE Käufer. Die Geschichte der ostwestfälischen Eisenbahn oder die Lebensbeichte von Frau Gedönsbach-Dingenskirchen gehören nicht dazu. Es mag Leute geben, die sich dafür interessieren, aber das sind vielleicht ein paar Dutzend, selbst wenn diese Bücher erstklassig geschrieben und auch ansonsten total originell sind - was, zugegeben, meistens nicht gilt. Mehr als diese paar Dutzend, und das ist die Krux, erreicht man aber NIE. Viele Autoren glauben, ISBN, Buchdeckel und Verlagsname - irgendeiner - auf dem Cover wären Garanten für hohe Absatzzahlen. Die Zuschussverlage mühen sich, diesen Mythos aufrechtzuerhalten. Man kann sich ausrechnen, wie viele Bücher man verkaufen muss, um einen Zuschuss von fünfzehn- oder dreißigtausend Euro zu amortisieren. Das sind Verkaufszahlen, von denen einige "richtige" Verlage träumen, und zwar nicht nur die ganz kleinen. Die Autoren, die auf diese Weise wirklich Geld verdient haben, passen vermutlich in eine Telefonzelle.
Heutzutage kann man leicht Leser erreichen - per Internet, notfalls per Book on demand, was weit weniger kostet als DKZ, mit einem vergleichbaren Ergebnis. Die entscheidende Frage, die sich offenbar kaum jemand ehrlich beantwortet, lautet: Muss das sein? Muss DIESER Text unbedingt zwischen zwei Buchdeckel? Meistens lautet die Antwort schlicht nein. Die gibt sich aber kaum jemand.
Selbstbetrug ist weit verbreitet.
sagmal.de: Dann ist dieses Projekt nicht nur dazu da, die DKZ und ihre Machenschaften vorzuführen, sondern auch, um Hobbyautoren zu zeigen, dass sie Hobbyautoren bleiben sollten?
Tom Liehr: Ich weiß nicht genau, was mit "Hobbyautoren" gemeint ist. Wenn damit jene Leute gemeint sind, die tatsächlich nur aus Spaß schreiben, gar zu Therapiezwecken, dann würde die Antwort vermutlich "ja" lauten. Es ist, davon abgesehen, nichts damit gewonnen, zigtausend Euro zu investieren, um die Hobbyschreibe als Buch in den Händen halten zu können. Als Buch, das kaum jemand kauft - von denen abgesehen, die MÜSSEN (Verwandte, Freunde, Lebenspartner).
Nun sind aber längst nicht alle Autoren, die valide Veröffentlichungen vorweisen können, Berufsautoren. Ganz im Gegenteil kann nur eine Handvoll davon leben, belletristisch (!!) zu schreiben. Viele haben ganz normale Hauptberufe oder solche, die auch mit dem Schreiben zu tun haben, etwa als Journalisten oder Headwriter für unsägliche Comedyshows. Einige Autoren veranstalten sehr viele Lesungen oder dozieren in Schreibworkshops, um die Miete bezahlen zu können. Auch ich betreibe die Schriftstellerei nebenberuflich. Das heißt aber nicht, dass sie vorher ein Hobby war - ich hatte das Ziel, irgendwann in einem nennenswerten Verlag mindestens ein Buch zu veröffentlichen, aber idealerweise gleich mehrere. Diese Vita ähnelt derjenigen vieler anderer Schreiber, mit denen ich zu tun habe. Denen würde ich tatsächlich zurufen: Tut das nicht. Ein Text wird nicht alleine dadurch gut (oder marktreif), dass man Buchdeckel drumherum tut. Das Gegenteil ist häufig der Fall. Vanity-Veröffentlichungen verbrennen Ideen, schaden möglicherweise dem Ruf und bringen nicht viel
ein. Und sie kosten Geld. Was sie nur in extremen Ausnahmefällen sind: Eine Stufe der Erfolgsleiter.
Genau dieses Missverständnis scheint aber weit verbreitet zu sein. Wer dieser Tätigkeit ernsthaft nachgeht, um sie irgendwann so zu beherrschen, dass marktfähige Manuskripte entstehen, sollte in den sauren, harten Apfel beißen, den die Publikumsverlage zur Bedingung für eine Veröffentlichung gemacht haben.
Unreife Texte auf eigene Kosten zu veröffentlichen, das ist ein Strohfeuer für das Selbstbewusstsein, und häufig nicht einmal das.
sagmal.de: Beutlichs Text gehört zu jenen, die ohne Frage NICHT zwischen Buchdeckel gehören. Ihr die seid gestandene Autoren, die gut schreiben und sich verkaufen. Gut schreiben ist schwer, aber ist es nicht noch schwerer, dann schlecht zu schreiben? Ich stell mir das so vor ihr habt euch zusammengesetzt, ein paar Flaschen Rotwein geleert und euer Bestes gegeben, um schlecht zu schreiben und seid anschließend vor Lachen nicht in den Schlaf gekommen. Oder war das richtig harte Arbeit, mit der ihr euch viel Mühe gegeben habt?
Tom Liehr: Diese Frage kann ich nur indirekt beantworten, da die Leseprobe und das sonstige Rico-Beutlich-Material von meinen Kollegen Janßen und Höfler fabriziert worden sind. Ich war in der Hauptsache an der redaktionellen Umsetzung (Beitrag im Autorenkalender) beteiligt. Die Figur und ihre Vita haben wir im Rahmen einer Redaktionssitzung gemeinsam entwickelt, danach haben sich die beiden Michaels an die Umsetzung gemacht. Ich weiß, dass sie dabei viel Spaß hatten, aber Drogen oder Alkohol waren meines Wissens nicht im Spiel. Nach dem ersten Entwurf artete es wirklich in harte Arbeit aus, weil Fehler und haarige Formulierungen glaubwürdig sein mussten. Die Zielsetzung bestand darin, Texte zu verfassen, die man jenem Rico Beutlich auch abnehmen würde. Das war ein recht mühseliger Prozess, aber natürlich auch ein sehr lustiger. Vor allem das etwas anarchische Sendungsbewusstsein unseres Michael "Kaelo" Janßen, der auch für die YouTube-Lesung verantwortlich zeichnet, war da sehr hilfreich.
sagmal.de: Glaubst du wirklich, dass man heute als noch unveröffentlichter Autor einen Vertrag mit einem Publikumsverlag bekommt, oder ist der Weg über einen Agenten besser, bzw. unumgänglich? Oder sollte man lieber erst einmal die mittleren und kleinen Verlage angehen?
Tom Liehr: Die kleinen oder mittleren Verlage haben ein anderes Publikum. Sie sind nicht einfach "zweite Wahl", wenn es mit den großen Verlagen nicht klappt. Was ein größerer Publikumsverlag ins Programm nimmt, muss mindestens AUCH massentauglich sein. Oder extrem originell. Ein Trendsetter. Ein Skandalbuch. Meinetwegen eine exzellent erzählte Trittbrettgeschichte, wie im Moment dieser ganze Vampirquatsch. Einfach etwas, für das es sich lohnt, einen neuen Autor aufzubauen.
Gunnar Cynybulk, Lektor bei Aufbau, sagte unlängst: Verlage verkaufen Autoren, keine Bücher. Vielleicht hat er das auch nur zitiert, aber es stimmt.
Kleinere Verlage wagen auch mal Experimente, aber ich halte es für eine fatale Fehleinschätzung, zu glauben, sie würden schlechtere Texte veröffentlichen. Sie sind vielleicht offener für originelle Themen, für ruppigere Autoren, für sehr unkonventionell erzählte Geschichten, für Nischenliteratur. Aber auch diese Verlage - so es sich um Verlage im Wortsinn handelt - achten auf Qualität. Sie sind keineswegs die Ausschussverwerter der großen Verlage. Insofern halte
ich die Frage für falsch gestellt. Man sollte sich durchaus kritisch fragen, ob das eigene Werk tatsächlich für einen Massenverlag interessant ist, der drei Jahre im Voraus plant und fünfstellige Startauflagen kalkuliert. Wenn man diese Frage verneinen muss, ist ein kleinerer Verlag - von Blumenbar bis Sieben-Verlag - möglicherweise eine sehr gute Wahl, auf jeden Fall aber eine großartige, wertvolle Erfahrung, zudem tatsächlich ein Sprungbrett. Wenn aber Lektoren großer Verlage mit der Begründung abgelehnt haben, der Text sei nicht gut (genug), sollte man keineswegs meinen, dass die Lektoren der kleineren Verlage, die oft sehr viel knapper kalkulieren müssen und unter höherem Erfolgsdruck stehen, das anders sehen.
Zur ersten Teilfrage: Die kann ich schlicht nicht beantworten. Als ich 1990 den Playboy-Literaturwettbewerb gewann, kam eine Agentur auf mich zu - das war damals neu, und ich fand's todschick. Ohne übrigens was Nennenswertes im Angebot zu haben. Als dieser Zeitpunkt dann, zehn Jahre später, erreicht war, stand für mich außer Frage, wieder zuerst eine Agentur zu kontaktieren - der Kontakt zur vorigen war inzwischen versandet. Ich würde immer wieder so agieren. Aber es gibt
auch Autoren, die es auf dem direkten Weg schaffen. Das hängt von vielen Faktoren ab, und einige (wenige) Verlage arbeiten immer noch lieber mit Autoren zusammen, die nicht von Agenturen vertreten werden.
Da ich aber, wie gesagt, den anderen Weg nie ernsthaft ausprobiert habe, kann ich die Frage nicht beantworten. Ich nehme aber an - das ergibt sich auch aus Gesprächen mit anderen Autoren -, dass alles sehr viel einfacher ist, wenn man von einer Agentur vertreten wird. Die man allerdings auch erstmal von sich überzeugen muss!
sagmal.de: Du bist in einem Autorenforum, den 42er Autoren. Was ist das? Hilft es, dort mitzulesen oder welche andere Plattform könntest du Autoren empfehlen?
Tom Liehr: Einige Autoren verfügen neben dem Schreibtalent über ein anderes großes Talent: Sie sind zur objektiven Selbstkritik fähig. Pragmatiker, die ihre Texte gut einzuschätzen in der Lage sind, die kein Feedback benötigen, um aus brauchbaren Manuskripten richtig gute zu machen, die unermüdlich arbeiten, statt jede selbst verfasste Zeile grundsätzlich geil zu finden. Die "es" einfach haben.
Ich bin keiner von diesen Autoren, womit ich einer Mehrheit angehöre, wie ich meine.
Die diversen Autorengruppen, mit denen ich zu tun habe und hatte, haben mir vor allem im Rahmen der gemeinschaftlichen Textarbeit dabei geholfen, den Blick für fremde Texte und damit für meine eigenen - die zuweilen auch Gegenstand der Besprechung waren - zu schärfen. Wer wie ich über keine entsprechende Ausbildung, also wenigstens ein Germanistikstudium, verfügt, macht neben dramaturgischen Fehlern auch viele handwerkliche. Es ist wichtig, die Regeln zu lernen, zu verinnerlichen - auch, um sie später wieder verwerfen oder gar brechen zu können. Es ist hilfreich, mitzuerleben, wie aus schlechten Texten gute werden, weil andere Autoren ihre Finger in die Wunden gelegt haben. Es ist grundsätzlich enorm wichtig, relativ objektives Feedback zu bekommen.
Nicht wenige der DKZ-Autoren entscheiden sich für einen "Verlagsvertrag", weil Mama begeistert war. Mama ist immer begeistert, schließlich ist es das schönste Kind der Welt, das da schreibt.
Diese Foren und Autorengruppen verhelfen aber auch zu einer weiteren Erkenntnis: Es sind sehr viele da draußen, die es wollen und zu können glauben. Unglaublich viele. Nur ein kleiner Teil von denen ist aber wirklich weit genug, um am Literaturmarkt zu bestehen. Insofern helfen diese Einrichtungen auch, die eigene Position zu finden und an solchen Aspekten zu arbeiten, die einer intensiven Bearbeitung bedürfen.
Natürlich ist nicht alles Gold, was da glänzt. Manch einer behauptet etwas sehr energisch und hat trotzdem unrecht. Nicht wenige Foren sind reine Kuschelgruppen, in denen von den Freiheiten der Selbstverlegerei geschwärmt wird, bis plötzlich ein richtiger Verlag zuschlägt und man nichts mehr von dem wissen will, was man gestern behauptet hat. Man muss sich schon genau umsehen, bevor man sich häuslich einrichtet.
Davon abgesehen findet man Freunde und lernt nette Kollegen kennen. Zum Beispiel die beiden Michaels, mit denen zusammen ich Rico Beutlich gezeugt habe.
sagmal.de: Fazit ist also: Durchhalten. Wenn man wirklich schreiben will, schreibt man, versucht es weiter und weiter und weiter. Schreibt, liest,schreibt. Tauscht sich mit Kollegen aus, nimmt Verbesserungen an oder auch nicht, sucht seinen Stil. Liest, schreibt, schickt ein. Wahlweise versucht man eine Agentur zu finden. Oder eben doch einen Verlag. Aber eins macht man nie und nimmer: einen Druckkostenzuschussverlag finanzieren. Richtig?
Tom Liehr: Mmh. Gefährliche Frage. Es mag tatsächlich Umstände geben, die dazu zwingen, diesen Weg der Veröffentlichung zu wählen, obwohl ich mir (für den belletristischen Bereich!) eigentlich keine vorstellen kann. Wenn ein Werk unbedingt rausmuss, weil das Herzblut sonst verloren wäre, weil man daran krepieren würde, wenn keiner das je lesen würde, dann gibt es kostengünstige Alternativen, die sich nach meinem höchst subjektiven Dafürhalten wenig von den Leistungen der "Dienstleister" unterscheiden, nämlich BoD und Selbstverlag (ein Verlag ist tatsächlich sehr schnell gegründet - Gewerbeschein reicht).
Presse und Buchhandel werden so oder so kaum bzw. selten reagieren, die Leser also auch eher nicht. Aber wenn schon Vanity, dann auf diesem Weg. Und nach meiner Kenntnis werden BoD-Veröffentlichungen in der Vita durchaus noch mit einem wohlwollenden Augenzwinkern von Publikumsverlagen wahrgenommen, wohingegen man sich als Bezahlautor einer DKZ-Bude schon als jemand outet, der vermutlich auch mal zu Zwecken des Selbstpuderns zum Klammerbeutel greift – sorry for that, aber es muss einfach mal gesagt werden. Die Frage, die man sich, jetzt mal ernsthaft, stellen sollte, wenn schon nichts anderes mehr geht, lautet: Was bekommt man für die Wahnsinnsschütte, die man diesen Firmen übereignen muss, damit deren Verlagsname auf einem Buch steht? Wird dafür intensiv lektoriert, wird wirklich beworben, sind Buchhandelsvertreter unterwegs, werden Rezensionsexemplare verschickt, gibt es Pressekontakte, Lizenzverkäufe undsoweiter undsofort? Oder doch nur ein "Autorenfernsehen" im Internet, eine fade Sammelpräsentation auf der Verlagsseite, Blödsinn wie Briefmarken und ansonsten nur heiße Luft?
Oder, einfacher gefragt: WIE VIELE BÜCHER VERKAUFEN DIESE LEUTE ÜBERHAUPT? Fünf- oder dreißigtausend Euro sind SEHR viel Geld. Die könnte man in sehr originelle Werbeaktionen investieren. Nicht notwendigerweise in eher sinnfreie Flugzeugwerbung, wie es dieser DKZ-Autor getan hat, von dem im Spiegel-Artikel die Rede ist. Aber ich wage die Behauptung, dass ein BoD-Titel, der für einen Grundeinsatz von unter hundert Euro verfügbar ist, und für den man fünftausend Euro in wirklich lustige und/oder flächendeckende Werbemaßnahmen steckt, mehr Exemplare verkauft als viele Titel, die in DKZ-Verlagen erschienen sind. Das macht aus diesem Buch noch immer kein gutes, fraglos. Aber mir scheint das, wenn es schon passieren muss, die bessere Investition zu sein.
sagmal.de: Was würdest du Rico Beutlich ans Herz legen, wenn es ihn denn gäbe?
Tom Liehr: Eine Karriere in seinem Indianerclub Winnetou, Radebeul. Den Vorsitzenden absägen und dann die Konterrevolution ausrufen.
sagmal.de: Was ist denn der Fazit der Aktion für dich, wenn du dir die Reaktionen in den verschiedenen Foren und auf Spiegel Online ansiehst? War es ein guter Streich, der die Verlagswelt zum Lachen bringt und wohlmöglich trotzdem eine einzige Schreiberseele rettet? Oder hat das Ganze etwas von: Des Kaisers neue Kleider. Da könnt ihr noch so laut: Guckt mal, der hat ja gar nichts an! rufen ... nutzt nichts, wenn nur die grinsend hinschauen, die es von Anfang an wussten.
Tom Liehr: Die Aktion ist ja noch nicht beendet. Der Autorenkalender wird jetzt erst flächendeckend ausgeliefert, und die Presseresonanz verstärkt sich eher noch - morgen führe ich ein Interview mit der "Süddeutschen". Kurz darauf mit dem "Deutschlandradio". Und jetzt gerade mit Dir.
Aus unserer Sicht besteht ein großer Vorteil des Echos auf den Spiegel-Artikel darin, dass diese Informationen jetzt im Netz sind und aller Voraussicht nach auch drin bleiben werden. Kritische Informationen zu DKZ-Verlagen sind eher die Ausnahme, weil kritische Darstellungen von einigen dieser Firmen angeblich sofort mit Abmahnungen, strafbewehrten Unterlassungserklärungen und Klageandrohungen beschieden werden - nicht wenige reagieren auf derlei mit sofortigem Rückzug, weil sie erstens nicht wissen, wie man damit umgeht, und zweitens angesichts der gut gefüllten Kriegskassen hohe Prozesskosten fürchten, obwohl die meisten dieser Prozesse (Manfred Plinke vom "Autorenmagazin" hat EINIGE geführt!) von den Initiatoren verloren werden. Sogar WikiMedia - die Betreiber der Wikipedia - mussten sich vor Gericht dagegen verteidigen, die Exponenten dieser Branche als "Pseudoverlage" bezeichnet zu haben – ohne Verlagsnamen zu nennen.
Erfolgreich übrigens. Man darf das jetzt offiziell sagen.
Pseudoverlage! Pseudoverlage! Pseudoverlage!
Natürlich freut es uns auch, dass wir für Amüsement gesorgt haben, aber das stand nicht im Vordergrund. Wir wollten mit einer plakativen Aktion aufklären, und das ist gelungen. Natürlich haben wir keine Neuigkeiten offenbart oder Verschwörungen aufgedeckt, aber die Art, auf die wir es getan haben, ist wenigstens aufgrund ihres hohen Unterhaltungswerts einzigartig. Meiner Kenntnis nach hatte bisher nur eine Gruppe namhafter amerikanischer Autoren ein ähnliches Projekt gestartet - Christoph Hardebusch hat davon im Montségur-Forum berichtet. Mir war diese Aktion vorher unbekannt.
Davon abgesehen hatten wir natürlich auch unser eigenes Produkt, den Autorenkalender im Blick. Ein bisschen Presse zu einem übrigens bemerkenswerten Autoren-Hilfsmittel schadet nie.
sagmal.de: Für wie gefährlich haltet ihr es eigentlich, euch mit den DKZ Verlagen anzulegen? Sie haben sicherlich mehr Rechtsanwälte als Lektoren. Und nutzen diese intensiv. Die Anwälte, nicht die Lektoren.
Tom Liehr: Für sehr gefährlich. Deshalb haben wir auch die Unterstützung des VS gesucht - und bekommen, danke nochmals an Imre Török und Tobias Kiwitt. Unsere Fassung der Rico-Beutlich-Story ist von Anwälten auf Herz und Nieren geprüft worden, sie enthält keine Verallgemeinerungen, die (eine übliche Vorgehensweise) durch einen einzigen Gegenbeweis außer Kraft gesetzt werden könnten, und sie enthält nur Fakten, die belegbar sind. Das wird die klagefreudigen Firmen möglicherweise nicht davon abhalten, zu klagen.
Vielleicht werden auch Wege beschritten, von denen man so gehört hat, und die sehr unangenehm sein können. All dem sehen wir aber vergleichsweise gelassen entgegen. Man kann sich nicht ernsthaft als Vertretung von Autoren bezeichnen, um dann den Schwanz einzuziehen, wenn's ans Eingemachte geht.
Anders gesagt: Wir werden für Rico kämpfen.
sagmal.de: Dein jüngstes Buch erscheint im Oktober. Magst du etwas darüber verraten?
Tom Liehr: Gerne. Es heißt "Pauschaltourist" und wird SEHR lustig.
sagmal.de: Hast du eine Frage vermisst?
Tom Liehr: Sehr schwierige Frage. Wie kann man etwas vermissen, von dem man kaum etwas weiß? Spaß beiseite: Nein.
sagmal.de: Noch einen Schlusssatz?
Tom Liehr: Da machen sich Zitate gut. Andreas Eschbach ("Ausgebrannt", "Das Jesus Video", "Ein König für Deutschland"): "Autoren sollten NIEMALS für ihre eigenen Manuskripte bezahlen." (Sinngemäß zitiert)
Ansonsten: Herzlichen Dank für das erfreuliche Interview!
Das Interview wurde am 31.8.2009 per Mail geführt. Die Fragen stellte Ulrike Renk, freie Mitarbeiterin von sagmal.de. Wir danken Tom Liehr für die Beantwortung unserer Fragen. Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen. Bild "Die drei Beutlichs": Christian Fleischhauer